Der Start zur „Vätternrundan“ zog sich über mehrere Stunden hin; zwischen Freitagabend, 20 Uhr, und Sams­tagmorgen, 6 Uhr, wurden alle zwei Minuten Startgruppen von etwa 60 Teilnehmern auf die Strecke geschickt. Jeder Fahrer erfuhr mit der Anmeldebestätigung seine Startzeit, meine war 4.26 Uhr. Während der Busfahrt nach Motala kamen uns viele Radfahrer entgegen, die noch bei Dunkelheit gestartet sind; reflektierende Westen und Akkulichter vermittelten im anbrechenden Tag ein fast gespenstisch anmutendes Bild. Auch am Startplatz kam Gänsehaut-Atmosphäre auf: nach Aufruf unserer Startgruppen-Nummer begaben wir uns in eine von drei Boxen und warteten ab, bis wir auf die Strecke gelassen wurden. Der Transponder piepste beim Überqueren der Startlinie, ein Motorrad-Guide begleitete uns aus der Stadt hinaus und dann lagen 300 km vor uns …

Ich brauche etwa 30 km, um auf „Betriebs­temperatur“ zu kommen. Daher ließ ich es am Anfang eher ruhig angehen und fuhr weitgehend allein; aus den nachfolgenden Startgruppen zogen in dieser Phase mehrere Dutzend Fahrer an mir vorbei. Viele ließen das erste Verpflegungsdepot nach 43 km aus. Ich stärkte mich dort erst einmal; zur Auswahl standen schwedische Spezialitäten wie Mürbteigbrötchen, saure Gurken, Blaubeersuppe und natürlich Knäckebrot; auch Kaffee tat zu dieser frühen Stunde gut.

Kurz nach dem ersten Stopp fuhr ich zu einer Gruppe von etwa zehn schwedischen Radlern auf; sie bezogen mich prompt in ihren Wechselrhythmus ein. Durch das regelmäßige Abwechseln an der Spitze fuhr niemand länger als zwei Minuten „im Wind“; so hielten wir auf diesem recht hügeligen Abschnitt unser Tempo konstant um die 30 km/h. Die Steigungen gingen meist nicht über 200 m Höhe hinaus, es ging aber in stetigem Wechsel auf und ab. Wir erreichen nach etwa 110 km in Jönköping, an der Südspitze des Vätternsees gelegen, eine Verpflegungsstelle, die warme Mahlzeiten anbot und viele Teilnehmer etwas länger verweilen ließ. In dem dort herrschenden Gewühl verlor ich meine schwedischen Begleiter leider aus den Augen. Die etwa 150 km entlang der Westküste mußte ich erst einmal alleine in Angriff nehmen, aber so richtig allein war man bei der hohen Teil­nehmerzahl natürlich nicht. Mit dem Wind hatten wir an diesem Tag Glück; anstelle des vorhergesagten Gegen­winds aus Norden kam der Wind unerwartet von Südwesten.

Inzwischen kam auch die Sonne hervor und es wurde wärmer, nachdem das Thermometer am Start lediglich 10 Grad angezeigt hat. Meine Jacke machte ich zur Weste, zu früh allerdings, wie sich ein paar Kilometer weiter - etwa die Hälfte der Strecke war hier zurückgelegt - herausstellte. Aus ein paar Regentropfen wurde schnell ein Regenguss, der mich mehr als eine Stunde begleitete. Um nicht unnötig auszukühlen, verweilte ich nur kurz am nächsten Depot und verzichtete auf die legendäre Lasagne, von der ich vorher viel gehört hatte. Dafür langte ich an der Verpflegungsstelle in Karlsborg, etwa 30 km weiter, umso mehr zu. Die an allen Depots bereitgestellten Massagebetten wurden hier schon stärker genutzt als an den zuvor angefahrenen Stationen. Ich fühlte mich aber nach mehr als 200 zurückgelegten Kilometern richtig gut, viel besser als am Anfang, und kam zügig voran; der Tacho zeigte meistens Geschwindigkeiten um die 30 km/h an.

Der Regen hatte mittlerweile aufgehört und die Sonne schien wieder. Die Angaben am Streckenrand mit den Rest-Kilometern bis ins Ziel waren nur noch zweistellig. Auf einer imposanten Brücke über­querten wir die Nordspitze des Vätternsees. Die letzten 50 km begannen auf einer recht stark befahrenen Straße, die wir erst nach 10 km wieder verlassen konnten. Insgesamt aber wurde die Veranstaltung weitgehend auf verkehrsarmer Strecke geführt; die Straßen waren durchweg in gutem Zustand. Auch an der Ausschilderung der Strecke gab es nichts auszusetzen, jedenfalls habe ich mich nirgendwo verfahren.

Das letzte Depot ließ ich aus, es waren nur noch 20 km bis ins Ziel. Zunächst ging es auf Schleichwegen durch Birkenwälder weiter. Auf den letzten Kilometern erreichten wir die Hauptstraße nach Motala, die zunächst kreuz und quer durch ein Gewerbegebiet führte, bevor wir wieder am See waren. Hier war das Zielband schon zu sehen. Dann ging alles ziemlich schnell: genau 11 Stunden und 13 Minuten nach dem Start löste der Transponder den letzten Piepser aus, ich bekam eine Medaille um den Hals gehängt und das Zielfoto wurde gemacht. Das Gefühl, 300 km geschafft zu haben, war unbeschreiblich; ich wünsche jedem, einmal im Leben so glücklich zu sein wie ich in diesem Moment!

Vielleicht ist der eine oder andere Leser auf den Geschmack gekommen, es mir nachzumachen. Erfahrung mit Radmarathons, das sind Radstrecken ab 200 km, sollte man mitbringen und eine oder zwei solcher Strecken vor der „Vätternrundan“ gefahren sein. Die Startplätze sind meistens schnell vergeben; die Veranstaltung 2011 war schon Anfang Oktober 2010 restlos ausgebucht, inzwischen weiß ich, wieso! Die Anmeldung für die Vätternsee-Rundfahrt 2012 beginnt Anfang September 2011.

Andreas Jeltsch